Wall Street: Mut zum Stress-Test

Kredit 07 May, 2009

New York (BoerseGo.de) – Die Wall Street zeigt immer wieder mal ein Talent für verblüffende Reaktionen, so auch heute. Das marktbeherrschende Thema waren wohl die Ergebnisse der Stress-Tests für die Großbanken. Die offiziellen Angaben werden zwar erst für morgen Abend erwartet, sind aber angeblich schon teilweise durchgesickert.

34 Milliarden Dollar? Kein Thema!

Auf den ersten Blick verblüfft etwa der heutige Kurssprung der Bank of America. Der Finanz-Titel war mit einem Tagesgewinn von 17,1 Prozent der heutige Top des Dow. Vorbörslich war der Bankwert noch unter Druck gestanden. US-Medien hatten berichtet, der Stress-Test erfordere, dass das Kredithaus zusätzliches Kapital im Volumen von 34 Milliarden Dollar benötigt, um sich gegen die Risiken einer verlängerten und verschärften Rezession abzusichern.
Gefragt war auch die Citigroup (Tagesgewinn plus 16,6 Prozent), die sich laut Medienberichten ungefähr 5 Milliarden Dollar zusätzlich beschaffen muss. JP Morgan (nach Medienangaben kein zusätzlicher Kapitalbedarf) gewann 6,9 Prozent.

Die Erleichterung über die bislang durchgesickerten angeblichen Stress-Test -Resultate führte zu einer allgemeinen Banken-Rallye (plus 8,1 Prozent, diversifizierte und regionale Banken sogar plus 12,7 Prozent), die Dow Jones und S&P 500 mit in die Höhe zogen.

Krise bei den Jobs ausgestanden?

Für Auftrieb sorgte auch ein Bericht der privaten US-Beobachtungseinrichtung ADP Employer Services, der eine merkliche Entspannung am amerikanischen Job-Markt signalisiert. Danach ging die Zahl der Arbeitsplätze in den USA im April „nur noch“ um 491.000 zurück (März: minus 708.000), deutlich weniger als erwartet. Das galt wohl als gutes Omen für den offiziellen Arbeitsmarktbericht der US-Wirtschaftsministerium am Freitag. Sollte der offizielle Bericht den gleichen Trend verzeichnen, wäre das ein weiteres Hoffnungs-Zeichen für den flauen US-Konsum.

Mehr Freude am Konsum?

Auch die Q1-Zahlen von Walt Disney, die über den Erwartungen lagen, führten zu einem Kursfeuerwerk. Immerhin wurde das (relativ gute) Abschneiden des Unterhaltungs-Giganten als ein weiterer Hinweis darauf verstanden, dass sich die Ausgabefreude der Konsumenten – und damit die gesamte Volkswirtschaft – wieder erholt.

Die Konsequenz: Der Dow Jones Industrial Average gewann 1,21 Prozent auf 8.512 Punkte, der – für den breiten US-Aktienmarkt repräsentative – S&P 500 kletterte 1,74 Prozent auf Punkte. Der technologielastige Nasdaq Composite Index stand dagegen im Schatten der Banken und avancierte nur 0,28 Prozent auf 1.759 Punkte.

Dow Jones Average: Leerverkäufer in der Klemme

Tops:

Der Dow Jones wurde heute von einer Erleichterungs-Rallye bei den Banken angeführt. Dazu trugen vermutlich auch die Leerverkäufer bei, die wegen des Stress-Tests zuvor wieder enorme Positionen (Short Interest) aufgebaut hatten und sich jetzt teilweise eindecken mussten.

Der Top des Dow war die Bank of America mit plus 17,1 Prozent auf 12,69 Dollar. Medien berichteten, dass der Finanzkonzern 34 Milliarden Dollar zusätzliches Kapital benötigt, um dem Stress Test Genüge zu leisten. Der Bedarf könne aber dadurch abgedeckt werden, dass eine bereits existierende Investition der US-Regierung in die Bank jetzt in gewöhnliche Aktien umgewandelt wird, hieß es.

Citigroup stieg 16,6 Prozent auf 3,86 Dollar. Der Finanzkonzern benötigt angeblich 5 Milliarden Dollar zusätzliches Kapital. JP Morgan (angeblich kein zusätzlicher Kapitalbedarf) gewann 6,9 Prozent auf 37,22 Dollar.

Walt Disney belegte Platz 3 und stieg 11,8 Prozent auf 25,87 Dollar. Der Medienkonzern legte bereits gestern Abend Q1-Zahlen vor, die über den Erwartungen der Wall Street lagen. Barclays Capital beförderte den Unterhaltungs-Riesen von „Untergewichten“ auf „Übergewichten“ und schraubte das Kursziel von 17 Dollar auf 32 Dollar hoch. Das Konglomerat sei am besten positioniert für die digitale Evolution der Medien, hieß es.

Flops:

General Motors verlor 10,3 Prozent auf 1,66 Dollar. Morgen sind die Q1-Zahlen der Detroiter fällig.

Pfizer sank 2,6 Prozent auf 13,91 Dollar. Der defensive Pharmawert stand vermutlich im Schatten der Banken-Rallye.

Wal-Mart büßte 1,9 Prozent ein und schloss auf 49,51 Dollar. Dort sind morgen die Umsatzzahlen vom april fällig. Zuletzt hatte der Einzelhandelsriese gepatzt.

S&P 500: Schub von den Banken

Der S&P 500 bekam heute Schub von den Banken:

Tops:

Der Banken ETF Financial Spider kletterte 7,96 Prozent.

Goldman Sachs stieg 2,97 Prozent auf 139,22 Dollar.
Morgan Stanley gewann 4,8 Prozent auf 28,51 Dollar.
Die beiden Ex-Investmentbanken brauchen angeblich kein zusätzliches Kapital.

Das gilt angeblich auch für die Regionalbank Bank of New York Mellon Corp., die 11,1 Prozent zulegte und auf 30,46 Dollar schloss.

Die Großbank Wells Fargo braucht dagegen angeblich frisches Kapital, sprang aber dennoch 15,6 Prozent auf 26,84 Dollar.

Flops:

Bei den Einzelhandels-Titeln, die in den Vortagen eine Rallye hingelegt hatten, nahmen einige Marktteilnehmer Geld vom Tisch. Der Anlass war wohl Vorsicht vor den morgen fälligen April-Umsatzzahlen der Ladenbetreiber. Die guten heutigen Job-Daten, die eigentlich Hoffnung für den Konsum machen sollten, wurden daher ignoriert.
Der Kaufhausbetreiber Macy´s verlor 6 Prozent auf 13,73 Dollar.

Nasdaq: Im Schatten der Banken

Die technologielastige Computerbörse stand heute anscheinend im Schatten der Banken. Das galt vor allem für den Schwergewichte-Index Nasdaq 100, der heute unverändert schloss. Dort wurden vermutlich – nach der Ralyle der Vorwochen – Gewinne mitgenommen.

Zu den Ausnahmen zählte Research in Motion. Der Hersteller des Smartphones BlackBerry, gewann 2,2 Prozent auf 77,07 Dollar. JP Morgan beförderte die Kanadier von „Untergewichten“ auf „Neutral“. Der Broker Oppenheimer hob sein Kursziel von 70 Dollar auf 85 Dollar.

Möglicherweise litt der Smartphone-Rivale Apple auch unter der Begeisterung für die BlackBerrys. Jedenfalls verlor der Konumselektronik-Titel heute nachrichtenlos 0,2 Prozent auf 132,50 Dollar. Seit Anfang des Jahres stieg das Papier allerdings 55 Prozent.

Palm verlor sogar 2,2 Prozent auf 11,25 Dollar.

Der Philadelphia Semiconductor Sector Index, der 19 Halbleiter-Titel erfasst, avancierte allerdings 0,7 Prozent auf 270 Punkte.

Internet: Angst vor den Kiosken?

Die an der Nasdaq notierten Flaggschiffe des Internets litten anscheinend unter der heutigen Fokussierung auf die Banken. Möglicherweise wurde ein Teil der hohen Gewinne der Vormonate mitgenommen und die Gelder in die wiederentdeckten Bankpapiere gesteckt.

Amazon.com avancierte 0,11 Prozent auf 81,99 Dollar. Seit Jahresanfang stieg das Papier 59,9 Prozent. Das Novembertief lag bei 34,68 Dollar.
Der E-Commerce-Pionier stellte heute eine neue Version seines E-Book-Readers Kindle vor. Der Kindle DX soll ab Sommer für 489 Dollar verfügbar sein. Der Bildschirm ist wesentlich größer als bei der traditionellen Version (2,5-fach). Das Gerät eignet sich zur Lektüre von Zeitungen, dazu gibt es Deals mit der New York Times, Washington Post und anderen Blättern. Außerdem soll Kindle DX den Lehrbuchmarkt erschließen. Diese Bücher sind derzeit sehr teuer, wegen den hohen Druckkosten und geringen Auflagen. Der Onlinehändler vereinbarte mit verschiedenen US-Universitäten Studienprogramme auf Kindle DX-Basis, die ab Herbst beginnen sollen.

Der Rivale Ebay bröckelte 0,2 Prozent auf 17,15 Dollar.

Die Online-Videothek Netflix fiel nachrichtenlos Prozent auf Dollar. Möglicherweise verunsichern die DVD-Kioske, die von den Konkurrenten eingerichtet werden und möglicherweise Kunden abspenstig macht.

Google verbesserte sich lediglich 0,1 Prozent auf 403,47 Dollar.
Yahoo stieg 0,8 Prozent auf 14,85 Dollar.
Baidu, Chinas Marktführer bei den Suchmaschinen, gewann 2,4 Prozent auf 255,67 Dollar.

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