Wenn die Hypothek das Einkommen auffrisst

Kredit Kein Kommentar »

Missionarinnen der Nächstenliebe öffnen Armenküche in Reykjavik

In Island ist die finanzielle Not auf den ersten Blick nicht sichtbar. Seit dem drohenden Staatsbankrott im vergangenen Oktober klingeln aber immer mehr Menschen im Haus des Bischofs in Reykjavik und fragen nach etwas Essbarem oder Geld. Und so bat er die in Islands Hauptstadt tätigen Missionarinnen der Nächstenliebe um Unterstützung.

Die Metropole Reykjavik im hohen Norden Europas wirkt mit ihren vielen bunten Dächern und Häusern adrett und verschlafen. Und dennoch: Familien, die ihren Kindern durch die Wirtschaftskrise außer einem Stück Brot nichts zu essen geben können, weil die in Euro abgeschlossene Hypothek auf die Wohnung oder das Darlehen für das Auto das ganze Einkommen auffrisst. Das bekommt auch die katholische Kirche zu spüren.

Seit dem drohenden Staatsbankrott im vergangenen Oktober hätten immer mehr Menschen im Haus des Bischofs in Reykjavik geklingelt und nach etwas Essbarem oder Geld gefragt, erklärt Jacques Rolland, Kanzler der Diözese: „Das ist wirklich eine Not, der man nur mit einer Suppenküche entgegenkommen kann.“ Und so bat er die in Islands Hauptstadt tätigen Missionarinnen der Nächstenliebe um Unterstützung. In der vergangenen Woche wurde der neue Treffpunkt für arme Menschen eingeweiht – und öffnet am Samstag, dem zwölften Todestag der Ordensgründerin Mutter Teresa von Kalkutta (1910-1997), mit einem Frühstücksangebot seine Pforten.

Zunehmend fragen Menschen um Nahrung

Außer donnerstags und samstags gibt es dort zwischen neun und zwölf Uhr für jeden Kaffee, Butterbrote und vor allem ein offenes Ohr für seine Sorgen. Noch wichtiger als ein heißes Getränk und etwas zu essen sei es, einfach für die Menschen da zu sein, erklärt die aus Polen stammende Schwester Oberin Piotra. Seit 13 Jahren sind die Ordensfrauen in Island tätig. Die derzeit sechs Schwestern der Gemeinschaft betreuen Familien und Einsame, besuchen Gefängnisinsassen, Kranke, Senioren und wirken in der Katechese.
Seit einigen Monaten organisierten die Schwestern zudem eine auf Spenden basierende Lebensmittelausgabe, weil zunehmend Menschen um Nahrung fragten.

In vielen Hauptstädten Europas gibt es bereits Armenküchen der Missionarinnen der Nächstenliebe. Deshalb griffen die Schwestern in Reykjavik die Idee sofort auf. Doch bis zur Eröffnung mussten noch einige behördliche Hürden genommen werden. „Die Stadt war überhaupt nicht begeistert von der Idee“, erinnert sich der aus dem Elsass stammende Jacques Rolland, den sie hier alle nur Sera Jakob – Priester Jakob – nennen. Niemand sollte mitbekommen, dass es in der Hauptstadt eines Landes, das vor bis vor einem Jahr zu den reichsten der Welt gehörte, die Notwendigkeit einer solchen Unterstützung gibt. Offiziell habe es geheißen, es gebe überhaupt keine Armen – und damit keinen Bedarf. Und in der Stadtmitte sollte eine Armenküche schon gar nicht angesiedelt werden. Das könnten ja auch die vielen Touristen mitbekommen. „Die Isländer schämen sich“, meint Sera Jakob.

„Zeit, für unsere Gäste da zu sein“

Um auch der Pfingstlergemeinde, die bereits eine Suppenküche in Reykjavik betreibt, keine Konkurrenz zu machen, bieten die Mutter-Teresa-Schwestern nun eine Art „Treffpunkt“ an und fangen mit Kaffee und Broten an. Eine Notlösung, der Schwester Piotra durchaus positive Seiten abgewinnt: „Das ist nicht so aufwendig wie zu kochen. So haben wir mehr Zeit, für unsere Gäste da zu sein und Anteil an ihrem Schicksal zu nehmen.“

Am Mittwoch wird der katholische Bischof von Reykjavik, Peter Bürcher, die Räumlichkeiten segnen. Katholische Ordensfrauen hätten in Islands Diaspora ein gutes Standing, betont der aus der Schweiz stammende und 2007 nach Island berufene Oberhirte. Sie waren es, die dort die ersten Krankenhäuser und Schulen gebaut haben: „Das vergessen die Isländer nicht.“ Und so ist sich auch „Priester Jakob“ sicher, dass es keiner PR für die neue Armenküche bedarf. „In Island gibt es keine Geheimnisse. Jeder kennt hier jeden – das erfährt jeder in kürzester Zeit.“

Wo ist unser ganzes Geld geblieben?

Kredit Kein Kommentar »

06. September 2009 In der Krise haben die Menschen ein neues Verhältnis zu Zahlen bekommen: Eine einzelne Milliarde ist plötzlich gar nichts mehr wert, angesichts von Multi-Milliarden-Bankenpleiten und Rettungspaketen. Ein Jahr nach der Pleite von Lehman vermessen die Ökonomen nun die Schäden. Und wie so oft gehen ihre Angaben weit auseinander: Mal ist von zehn Billionen Dollar die Rede, die dadurch verloren sind, dann wieder von 50, wie die Asiatische Entwicklungsbank sagt. 50 Billionen Dollar, das ist eine Zahl mit dreizehn Nullen: 50.000 Milliarden Dollar wurden angeblich vernichtet. Ohne Krieg oder Naturkatastrophe, einfach so.

Was also ist passiert? Niemand hat beobachtet, wie säckeweise Dollar- oder Euronoten verbrannt worden wären. Wo also steckt das Geld? Taucht es irgendwann wieder auf? Und falls ja, wer hat es in der Zwischenzeit gehortet?

Viel von dem, was angeblich vernichtet wurde, hat nie existiert, das heißt: Es stand nur auf dem Papier. Entweicht die Phantasie aus den Börsen, sinken die Kurse, der Anleger verliert, was er nie tatsächlich besessen hat – seine Gewinne waren nur Buchgewinne. “Es wurde aber auch echter Wert vernichtet”, sagt der Stuttgarter Bankenprofessor Hans-Peter Burghof, ein Experte im Aufstöbern von Verlusten der Finanzkrise. Und Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, bestätigt: “Es ist kein Nullsummenspiel.”

Amerikas Häuser

Die Suche muss dort beginnen, wo das Debakel seinen Anfang nahm: in Amerika, bei den Häusern, die Menschen erworben haben, die es sich eigentlich nicht leisten konnten. Das war politisch gewollt. Das Volk war mit billigen, im Zweifel zinslosen Krediten zu versorgen. Jetzt ist der Immobilienmarkt zerstört, die Häuser verrotten: Wie mit bloßem Auge zu sehen ist, wurde hier Wert vernichtet. Hat ein Amerikaner für 200 000 Dollar ein Haus gekauft, das im Immobilienhype zwischenzeitlich auf den doppelten Wiederkaufswert stieg, konnte er sich zwar freuen. Eine echte Wertsteigerung wäre es aber nur gewesen, hätte er das Haus wirklich verkauft. Ansonsten war das Geld nie wirklich da. Reich gefühlt haben sich die amerikanischen Hausbesitzer trotzdem. “Viele haben dadurch die Kontrolle über ihre Finanzen verloren”, sagt Julia Hoch, Wirtschaftspsychologin aus Dresden. “Sie haben mehr Geld ausgegeben, als sie sich leisten konnten, und sich verschuldet.” Die zusätzlichen Ausgaben wurden oft über die Beleihung der Häuser finanziert – dieses Geld ist weg. Es steckt in dicken Autos und anderen kurzlebigen Konsumgütern.

Wer sein Haus gekauft hat, als der Preis am höchsten war, und jetzt verkaufen muss, hat ebenfalls viel Geld verloren – nicht nur auf dem Papier, sondern tatsächlich. Profitiert haben die Vorbesitzer und Immobilienmakler. Obendrein gehören die jüngst gekauften Häuser meist der Bank, die die Hypothek dafür gegeben hat. “Viele ehemalige Hausbesitzer sitzen jetzt auf der Straße”, sagt Wolfgang Pflüger, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Das Problem der Banken aber ist: Die Häuser sind als Pfand kaum noch etwas wert. Insgesamt 4,7 Millionen Häuser und Eigentumswohnungen stehen in Amerika leer. Und wo keine Nachfrage ist, ist kein realer Wert.

Börsen

Als die Finanzkrise an Fahrt aufnahm, kamen auch die Börsenkurse ins Rutschen – vor allem seit Januar 2008. Der Dax fiel von 8000 Punkten bis auf 3600 Punkte im März dieses Jahres, auf weniger als die Hälfte. Doch das sind keine realen Verluste, sondern auch nur Buchverluste – solange die Besitzer ihre Aktien nicht verkauft haben. Hat jemand vor zwei Jahren zu 100 Euro gekauft und verkauft jetzt zu 40 Euro, hat er natürlich 60 Euro echten Verlust gemacht. Das Geld hat dann im Prinzip der Vorbesitzer, der genau diese Aktien vor zwei Jahren für 100 Euro verkauft hat. Es kann sogar sein, dass der echte Wert der Aktie zu beiden Zeitpunkten gleich hoch war. Weil sich der Wert unter anderem errechnet aus den Gebäuden, Maschinen und Patenten des Unternehmens. Nur war beim Kauf der Papiere der Aufschlag, den die Börse für eine gute Zukunftsperspektive der Firma angesetzt hat, größer als beim Verkauf.

Banken

Sie sind Täter und Opfer zugleich. Mehr als hundert von ihnen sind allein in Amerika pleitegegangen. Um den Kollaps des globalen Finanzsystems abzuwenden, haben Notenbanken und Regierungen nach dem Lehman-Schock massive Hilfsaktionen gestartet. Laut Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich haben elf westliche Länder 5000 Milliarden Euro in Rettungsprogramme gesteckt – das entspricht knapp 19 Prozent des Gesamt-Bruttoinlandsprodukts dieser Länder. Aber Vorsicht: Diese 5000 Milliarden Euro haben die Staaten nicht ausgegeben, schon gar nicht in bar. Für 4167 Milliarden Euro wurden lediglich Garantien zugesagt. Dabei fließt erst mal kein Geld, die Leistung des Staates besteht vielmehr in einer Art Bürgschaft. Tatsächlich gezahlt wurden an die Banken bisher 451 Milliarden Euro – nur diese Verluste haben die vereinten Steuerzahler folglich bisher realisiert. In Deutschland wurden die Bürger unter anderem zu maßgeblichen Eignern der Commerzbank, die 18,2 Milliarden Euro Staatshilfe bekam. Die Hypo Real Estate gehört dem Staat bald ganz, 90 Prozent der Aktien hält er bereits, der Rest der freien Aktionäre wird demnächst rausgedrängt. Den Wert der Münchner Schrottbank beziffern Gutachter heute auf null. Vor der Krise betrug die Bilanzsumme der Bank 400 Milliarden Euro – sie war etwa so groß wie Lehman.

Wohin aber ist das Vermögen der HRE und all der anderen Banken verschwunden? Sie haben es abgeschrieben. Weltweit wurde von 1,1 Billionen Euro Abschreibungen auf sogenannte toxische, also wertlose Wertpapiere berichtet. Den Mechanismus erklärt Kai Carstensen, Konjunkturchef am Ifo-Institut, mit einem Vergleich: Erweist sich eine gekaufte Maschine als Schrott, muss der Fabrikant sie abschreiben. Dieser Vorgang senkt sein Vermögen in der Bilanz, er erleidet einen buchhalterischen Verlust. Geld muss er deswegen nicht ausgeben. Das geschah schon vor langer Zeit, damals bei der Anschaffung der nichtsnutzigen Maschine. Übertragen auf die Banken, heißt das: Das Geld, das sie für ihre giftigen Papiere ausgegeben haben, ist längst weg.

Jetzt vollziehen sie in ihren Büchern nur nach, dass die Welt den Wert der Papiere längst auf null einschätzt. Für die Suche nach dem verlorenen Vermögen heißt das: Die Milliarden, die jetzt abgeschrieben werden, haben damals die Verkäufer der Wertpapiere erhalten, die Erlöse haben sich längst all jene aufgeteilt, die von der Verbriefungsindustrie profitiert haben: die Banken (deren Angestellte und die Aktionäre), Ratingagenturen, Anwälte, auch der Staat über die Steuern auf die Gewinne sowie im nächsten Schritt all jene, bei denen die Banker Gehalt und Boni ausgegeben haben: Sportwagenhersteller, Restaurants, Supermärkte, Immobilienhändler und viele mehr. Allesamt Unbeteiligte, die sich kaum als Krisengewinner fühlen.

Staaten

Selbst ganze Länder gerieten durch die Finanzkrise in Not. Staaten wie Ungarn, die Ukraine und Lettland, aber auch Irland und Island schlitterten an den Rand des Staatsbankrotts. Das wohlhabende Island hat es besonders hart getroffen. Die drei großen Banken des Landes, alle stark im Ausland aktiv, kauften viele der amerikanischen Subprime-Kredite. Um das zu refinanzieren, reichten aber die Einlagen der Einwohner der Insel nicht aus. Also haben die Banken den Kapitalmarkt angezapft. Als dort im vergangenen Herbst kaum mehr Geld zu bekommen war, waren die Banken fast pleite. Der Staat sprang ein und verstaatlichte sie komplett. Island übernahm damit alle Verbindlichkeiten der drei Banken. Die Staatsschulden wuchsen auf einen Schlag um rund 80 Milliarden Dollar – zu viel für ein kleines Land. Zunächst ist das nur ein Buchungsvorgang, die Summe muss nicht aufgebracht werden. Tatsächlich ausgegeben hat der Staat keine 10 Milliarden Dollar, um das Eigenkapital der drei Banken aufzustocken und die Verbindlichkeiten der Institute zu bedienen. Kredite des Internationalen Währungsfonds halfen bei der Finanzierung. So fließt einiges Geld vom Ausland nach Island, von dort in die Banken und von dort an deren Gläubiger, wie die deutschen Kunden der Kaupthing-Bank. Die werden durch die Verwertung der Reste der Bank wohl ausgezahlt.

Ach ja, echte Krisengewinner gibt es natürlich auch: Der weltweit gefragte Untergangsprophet Nouriel Roubini hat seinen Marktwert immens gesteigert. Ebenso deutsche Professoren, die sich mit Banken auskennen. “Für Vorträge kann man jetzt deutlich mehr verlangen”, sagt Hans-Peter Burghof. Es müssen ja nicht gleich Milliarden sein.


Copyright © 2007 AlleKredit.com. All rights reserved.