Mit Schulden zum Glück
Kredit 07 May, 2009Umgerechnet 30 Euro von einer Bank reichten einer Frau aus Namibia, um eine kleines Unternehmen zu gründen. Heute versorgt sie mit den Gewinnen ihre Großfamilie. Die Kredite hat sie längst abbezahlt
Strom und fliessend Wasser gibt es nicht im Norden Namibias. Gekocht wird auf der Feuerstelle. Haimbodi Ndamononghenda führt ein einfaches Leben. Eine Arbeit hatte sie bis vor vier Jahren nicht, genauso wenig wie ihr Mann. Ohne Einkommen drei Kinder und fünf weitere Mitglieder der Großfamilie zu versorgen, das war schwer für die robuste Frau mit den kantigen Gesichtszügen vom Stamm der Ovambo in dem südwestafrikanischen Land.
Heute ist Ndamononghenda eine erfolgreiche Kleinunternehmerin. Fast jeden Tag verstaut sie Shampoo, Seife und Cremes in einer großen Tasche, läuft von Hütte zu Hütte durch den Busch und verkauft die Sachen. Außerdem besorgt sie sich Stoffe und schneidert dann Kleider daraus. Vom Gewinn bezahlt sie das Schulgeld für ihre Kinder, kauft der Familie Essen – und zahlt einen Kredit zurück. 500 namibische Dollar (umgerechnet 43 Euro) bekam sie vor vier Jahren als Startkapital von einer Art Bank, die sich Koshi Yomuti nennt: “Unter dem Baum” bedeutet das.
Erst hatte sie Angst davor, Schulden zu machen. Wie sollte sie den Kredit zurückzahlen? Über diese Unsicherheit kann Ndamononghenda heute nur lachen. Die Familie ist längst gut versorgt, die 37-Jährige hat große Pläne: Sie will ihr Geschäft vergrößern. Ein Haus möchte sie bauen, in dem sie schneidern kann, und eine Betreuerin für ihre Kinder anstellen, damit sie in Ruhe verkaufen gehen kann.
Erfolg auf Pump. Ohne Schulden wäre das nicht möglich gewesen. Keine Kredite, das bedeutet Stillstand: Ohne Startkapital hilft die beste Geschäftsidee nichts. Daher verleiht die Bank Koshi Yomuti Geld an arme Menschen. Es sind vor allem kleine Summen, man nennt das “Mikrofinanzprojekt”. Koshi Yomuti hat Haimbodi Ndamononghenda und gut 3000 anderen in Nordnamibia eine Lebensperspektive gegeben.
An geliehenes Geld kamen sie zuvor nicht heran. Zu arm sind die Menschen, zu gering die Sicherheiten für eine normale Bank: Ndamononghenda hat kein geregeltes Einkommen, kein Vermögen, kein Haus – also nichts, was die Bank sich nehmen könnte, wenn die Schuldnerin das geliehene Geld nicht zurückzahlt. Zudem lohnt sich das Geschäft mit kleinen Beträgen für Banken kaum – und noch weniger lohnen sich Filialen in der dünn besiedelten Gegend.
Ndamononghenda sitzt in einer runden Holzhütte in der Mittagshitze, zusammen mit 21 anderen, die sich Geld geliehen haben. Ein Mitglied der Gruppe hat sie zu sich eingeladen. Zweige umzäunen das sandige Grundstück mit den vier Hütten. Einmal pro Woche treffen sie sich, um zu besprechen, wie die Geschäfte laufen und wie es mit der Rückzahlung der Kredite aussieht.
Ungewöhnliche Bank. Koshi Yomuti funktioniert anders als normale Banken. Ihr Ziel ist es nicht, möglichst viel Gewinn zu machen. Hinter ihr steckt die deutsche Regierung, in Form der staatlichen Förderbank KfW und der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Sie betreiben Entwicklungshilfe. Außerdem bekommt die Bank Geld von Anlegern, die soziale Projekte unterstützen wollen und bereit sind, geringeren Profit in Kauf zu nehmen. Solche Investoren braucht das Projekt. “Langfristig aber wollen wir ohne Geldgeber auskommen und selbst genug Gewinn machen”, sagt Thomas Lendzian, der die Mikrofinanzbank im GTZ-Auftrag aufbaut.
Das unterscheidet Mikrofinanzprojekte von normaler Entwicklungshilfe: Die Kredite sollen den Menschen helfen, selbst besser für sich sorgen zu können, damit sie irgendwann unabhängig von fremder Hilfe sind. Bisher konzentriert sich Koshi Yomuti darauf, Kredite zu vergeben. Der Plan ist, schon in diesem Jahr eine richtige Bank zu werden, bei der die Ovambo ein Konto einrichten und Geld sparen können. Das tun sie bislang kaum. Sie kaufen sich lieber eine Kuh. Wenn dann etwa Schulgebühren bezahlt werden sollen, schlachten sie das Tier und verkaufen das Fleisch.
Thomas Lendzian, ein bärtiger, gemütlicher Mann, leitet Koshi Yomuti von einem Betonbungalow in der Provinzhauptstadt Odangwa aus. Die Ventilatoren laufen auf Hochtouren im Bungalow, während 20 Kreditsachbearbeiter im Konferenzraum zusammensitzen. Die Angestellten, es sind alles Frauen aus der Gegend, sind sehr wichtig für den Erfolg des Projekts. Sie betreuen die Kreditnehmer. Bevor diese Geld leihen, müssen sie lernen, wie man damit umgeht und wie sie das Geld zurückzahlen können. Die wenigsten sind auf eine höhere Schule gegangen. Dass und wie man mit Geld mehr Geld verdienen kann, hat ihnen bisher niemand beigebracht.
Hohe Zinsen. Tulikemanya Hengobe betreut Ndamononghendas Gruppe. Die hochgewachsene Frau ist in der Gegend aufgewachsen und hat eine höhere Schule besucht. Sie unterhält sich mit den Kunden in ihrer Sprache Oshivambo und mit Thomas Lendzian auf Englisch. Jede Woche fährt sie mit dem Jeep über die holprigen Straßen zur Gruppe. Das ist nicht immer einfach, in der Regenzeit verwandeln sich die staubtrockenen Straßen in Matsch. Hengobe schult den Vorstand der Gruppen, der wiederum neuen Kreditnehmern beibringt, wie man mit Geld umgeht.
Es ist auch der Vorstand, der Rückzahlungen und Zinsen einsammelt. Zinsen zahlen heißt, dass der Schuldner mehr Geld zurückgeben muss, als er sich ausgeliehen hat. Bei Koshi Yomuti sind es ungewöhnlich hohe 35 Prozent. Doch das Geld behält Koshi Yomuti nicht für sich oder seine Anleger, sondern steckt es in das Projekt. Maximal acht Monate Zeit haben Kunden, ihren Kredit zurückzuzahlen.
Hengobe sieht bei ihren Besuchen auch nach, ob es neue Anwärter für einen Kredit gibt. Ob die dann einen bekommen, entscheidet die Gruppe. Sie kennt die Menschen aus der Gegend, weiß meist genau, ob man den Nachbarn vertrauen kann. Die Gruppe hat großes Interesse an einer guten Wahl: Sollte etwa Ndamononghenda ihre Schulden nicht zurückzahlen, müssten die anderen das für sie tun. Betreuung und Gruppendruck funktionieren: Fast nie kommt es vor, dass jemand nicht zahlt. Nur ein kleiner Teil, zwei Prozent der Kunden, gibt das Geld mehr als 30 Tage nach der Frist zurück.
Zuverlässige Kunden. Die Frauen suchen meist Frauen aus. 92 Prozent der Kreditnehmer sind weiblich. Und die Männer? In der Hütte lachen die gut 20 Frauen, bis ihnen die Tränen kommen. “Männer mögen nur Big Business”, sagt eine. Den Männern fehle das Verantwortungsgefühl – sagen die Frauen. Die Verpflichtung, für Kinder und Haushalt zu sorgen, liegt bei ihnen. Das bewahrt die Bank und die Gruppe davor, dass Schuldner verschwinden: “Die Männer können einfach abhauen, auch wenn es kein Essen gibt”, sagt eine Frau.
Es kommt selten vor, aber Koshi Yomuti vergibt auch größere Summen. Wenn die 47-jährige Johanna Angwena heute über ihren ersten 30-Euro-Kredit spricht, erscheint ihr das wenig. “Das war schnell nicht genug für meine Pläne”, sagt sie selbstbewusst. Handy und Geschäftsunterlagen hat sie vor sich auf dem Tisch. Unter einen großen Baum vor ihrem Haus hat sie einen Tisch und ein paar Stühle gestellt. Angwena kocht für Hochzeiten und Beerdigungen, verleiht Zelte, Geschirr und Stühle. Das alles hat viel Geld gekostet. Doch weil ihr Plan aufging, gab Koshi Yomuti ihr mehrmals viel Geld – 10 000, 20 000 namibische Dollar. Und einmal sogar 35 500 Dollar, umgerechnet über 3000 Euro. Da sie mit ihrem Geschäft gut verdiente, konnte sie immer pünktlich zahlen und sich vom Gewinn sogar ein richtiges kleines Haus aus Stein bauen.
Drum herum hat sie mit ihrem Mann eine Mauer errichtet. Die schützt auch das kleine zusätzliche Betonhäuschen, das nicht weit vom Haupthaus entfernt auf dem Grundstück steht. Hier bewahrt sie ihr Geschirr auf. Stolz zeigt sie die Teller und das Besteck, nimmt die Teile sorgfältig in die Hand. Angwena will noch mehr Stühle, Tische und Zelte kaufen, am liebsten möchte sie einmal zehn Mitarbeiter einstellen. Denn sie hat ein großes Ziel: “Meine beiden Kinder sollen einmal studieren können.”
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